Ein Bild als Lebensbegleiter

von Mario Betti

Es gibt ein Ziel, das bereits junge Menschen mehr oder weniger bewusst verfolgen, sofern es im Lauf des Lebens nicht vergessen wird. Es ist die Verwirklichung eines höheren Menschen im Menschen als wahre Sinnerfüllung unserer Existenz.
Besonders in der deutschen Klassik und Romantik finden wir diese Bestimmung klar formuliert. So schreibt beispielsweise Schiller im vierten seiner Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen: “Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt der Anlage und Bestimmung nach einen reinen, idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist.”

In einem Bild von Rembrandt (1606 – 1669), das mich seit über fünfzig Jahren begleitet, kann man eine künstlerisch-symbolische Ausprägung dieses idealischen Menschen entdecken.
Sein Mann in Rüstung (1655) hängt im schottischen Glasgow in der Kelvingrove Art Gallery and Museum und gehört zu ihren vielbewunderten Kostbar­keiten. Die Autorenschaft Rembrandts wird zwar auch hier manchmal in Zweifel gezogen, aber die meisterliche Komposition, die Aussage der Hell-Dunkel-Gegensätze und die motivische Tiefe dieses unermüdlichen Meisters des Porträts, nicht zuletzt des Selbstsporträts, lassen wenig Zweifel, dass man hier vor einem besonderen Rembrandt-Bild steht. Ob er dabei an seinen eigenen ‘idealischen’ Menschen gedacht hat – unabhängig davon, ob ihm jemand Modell gestanden hat oder nicht? Das wissen wir nicht. Das Bild hat sich mancherlei Deutung gefallen lassen müssen: Alexander der Große, der Kriegsgott Mars und andere sind dabei genannt worden. Das Gemälde selbst aber trägt eindeutig Züge eines zeitlosen menschlichen Ideals.

Wir sehen hier zunächst einen gepanzerten und behelmten Mann mit Schild und Lanze (die Rüstung gehört nicht in die Zeit Rembrandts), der zum Teil eingehüllt ist ins kraftvolle Rot des Mantels. Der Raum, in dem er sich befindet, erinnert eher an eine Krypta als an einen Waffensaal.
Auffallend ist zunächst der kompositorische Gegensatz von Mantel und Schild – gleichsam nach innen schützend und einhüllend, während die Lanze, fest in der rechten Hand, nach außen weist. Die aufrechte Gestalt bildet die Mitte des Bildes und das leicht geneigte Antlitz lächelt fein, bar jeder Aggressivität, jedoch in souveräner, selbstsicherer Haltung.

Wenn wir jetzt an eine geistige Deutung des Bildes herangehen, sehen wir ein helles Licht auf dem Helm: in diesem Haupt werden helle, inspirierte Gedanken gedacht. Das Licht auf dem Herzen, dem lebendigen Ort unserer Gefühle, zeigt, dass dieses Herz vom gleichen Licht durchdrungen ist und dass sich hier Gemütswärme und Licht vermählen. Wärme und Licht sind die wahren Träger echter, weisheitsvoller Liebe. Diese besondere, inwendige Liebe kommt deutlich auch durch das Lichtkreuz auf dem Brustpanzer zum Ausdruck – als Zeichen zeitloser, todesüberwindender Opferkraft.

In jeder Schicksalslage, trotz aller Schiffbrüche, kann dieses Bild an den idealischen Menschen im Menschen erinnern und Mut machen, die eigenen Ideale nie aus den Augen zu verlieren. Denn dieser ‘Geistesritter’ schaut immer nach vorne. Es ist ein Rätsel der Kunst Rembrandts, aber auch ein Wunder des Lebens.
 

a tempo  Das Lebensmagazin – Nr. 197 Ausgabe 05/2016
 

Mario Betti wurde 1942 in Lucca, Italien, geboren. Nach Studien- und Arbeitsjahren in Italien, Deutschland, Spanien, der Schweiz und England folgte das Studium der Waldorfpädagogik und eine langjährige Tätigkeit als Lehrer und später als Dozent in der Lehrerausbildung. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien: “Leben im Geiste der Anthroposophie – eine Autobiografie.”  Weitere Bücher sind hier zu finden.